das Netzbuch

das Netzbuch war von Mai 2002 bis November 2006 das Weblog von Ralf G.
Seit Dezember 2006 bloggt er auf uninformation.org.

E-Mail: ralle (at) das-netzbuch.de. Jabber: leralle@jabber.ccc.de.

Item Nº 2571

Der Ball, die Flagge, das Leben und das Volk.

Geschichte wiederholt sich manchmal. Rückblende: 1990, die Wiedervereinigung dräute und es galt, dem Westler die Tasche zu öffnen, um Kohls »blühende Landschaften« zu finanzieren. Da kam der nationale Überschwang mit dem WM-Titel gerade richtig, und es gab zwei Reaktionen zu beobachten: Auf der rechten Seite der Versuch, die Stimmung zu instrumentalisieren und ein »Wir in Deutschland«-Gefühl mit Bereitschaft für »Blut, Schweiß und Tränen« herbei zu reden, auf der linken Seite das Unbehagen am Nationalen, dass sich irgendwo zwischen totaler Ablehnung und Relativierung einpegelte. Letztendlich war die WM-Party irgendwann zu Ende, und damit auch das Flaggen schwenken. Und alles war wie immer.

Nun also 2006. WM in Deutschland, allenthalben Party-Stimmung, und die Deutschland-Flaggen, für 17 Cent das Stück im Arbeitgeber-Paradies China produziert, flattern lustig an Balkonen und Fahrzeugen, sowohl an edlen Limousinen als auch an tiefer gelegten Kleinwagen. Und, Überraschung, das patriotische Tüchlein aus Fernost zieht eine Debattenspur durch das Feuilleton. Die taz bietet in einem Pro-und-Contra-Doppelartikel schweres philosophisches Geschütz auf und zitiert Elias Canetti, im Kontext des Massenphänomens Fußball:

»Innerhalb der Masse herrscht Gleichheit. Sie ist absolut und indiskutabel und wird von der Masse nie in Frage gestellt. Sie ist von so fundamentaler Wichtigkeit, dass man den Zustand der Masse geradezu als einen Zustand absoluter Gleichheit definieren könnte. Ein Kopf ist ein Kopf, ein Arm ist ein Arm, auf Unterschiede zwischen ihnen kommt es nicht an. Um diese Gleichheit willen wird man zur Masse. Wer immer davon ablenken könnte, wird übersehen. Alle Forderungen nach Gerechtigkeit, alle Gleichheitstheorien beziehen ihre Energie letzten Endes aus diesem Gleichheitserlebnis, das jeder auf seine Weise von der Masse her kennt.«

Wir sollten uns übrigens glücklich schätzen, dass in diesen Zeiten Fußball das Einzige ist, was heterogene Gesellschaften in egalitäre patriotische Massen verwandelt. Kein Fußball, keine Massen. Kein Grund zur Besorgnis also für jene, denen lautstarke Horden mit Flaggen suspekt sind. Meint Canetti-Zitierer Frank Lübberding (ebd.). Ein paar Absätze drüber sieht aber Jan Feddersen einen persistenten Multi-Kulti-Patriotismus am Horizont deutschen Seins erscheinen:

»Man feiert, ganz besonders gern in Neukölln, im Schanzenviertel, in Mülheim, also in Migrantenvierteln, und zwar mit der Klinsmanngang. Nicht, weil die Türkei nicht mit von der Partie ist. Sondern weil dieses Team in diesem Turnier etwas von dem in sich trägt, was dieses vergangenheitsgrundbewältigte Land zu fühlen alle Gründe hat: Zufriedenheit und Zuversicht.«

Diese Einschätzung hat für mich einen schweren Einschlag von dem, was man auf gut neudeutsch »Wishful thinking« nennt. Zumindest, wenn man das vom Fußball auf Gesellschaft übertragen möchte. Sieht Feddersen anders (ebd.):

»Dass dieses egalitäre Moment verschwinden könnte, mit der Nacht auf den 10. Juli? Ja, glaubt das mal. Immer das Schlimmste befürchten. Weil einem das bequemer ist? Weil Multikulti auf Schwarzrotgold einem unheimlich wäre? Quatsch und im Gegenteil. So erst käme das neue Deutschland zu seinem Sinn: weltoffen, ,bluts’vermischt und sicher. Eben Einigkeit und Recht und Freiheit. That’s it.«

Der egalitäre Charakter der fußballguckenden Massen ist für jene, die auch mal ein Stadion besuchen, wenn nicht WM ansteht, natürlich überhaupt nichts Neues. Das ist normal. Sagt also nichts über den patriotisch-nationalen Gehalt des WM-getriebenen Flaggenschwenkens aus.

Exemplarisch für den schwierigen Umgang mit diesem Thema ist ein Zeit-Artikel von Jürgen Krönig. Krönig sucht und behauptet die Normalität im Patriotismus. Offensichtlich seiner Sache nicht sicher, muss er aber, um die Normalität zu belegen, ein Zitat aus dem britischen Observer heranziehen. Und genau das zeigt aber, dass diese Normalität so normal nicht ist.

Letztendlich hat Stephan Hebel in der Frankfurter Rundschau die Sache auf den Punkt gebracht:

»Wenn diese Wochen der WM nachhaltig wirken, dann hoffentlich so, wie es sich abzuzeichnen scheint: dass Schwarz-Rot-Gold nicht Strammstehen vor der Fahne bedeutet, sondern entspannte Identifikation mit einer Gesellschaft, vor der sich niemand zu fürchten braucht – kein Land der Welt und kein Gast. Patriotismus? Mag sein. Patriotis-muss? Danke nein.«

Wer darüber noch mehr problematisieren mag: Richard Seibt schreibt gewohnt brilliant in der SZ. Der Historiker Heinrich-August Winkler sieht in der Flagge am Kleinwagen ein Erinnern der Deutschen an ihre Demokratie- und Freiheitsgeschichte. Das halte ich für ein Gerücht, denn um sich daran zu erinnern, müsste man sie erst einmal kennen. Und das ist, mit Verlaub, bei Fahrern beflaggter tiefergelegter Kleinwagen eher unwahrscheinlich. Und ein erwartungsgemäß ganz besonders schönes Stück Publizistik sind die Erkenntnisse des evangelikalen Fundamentalisten in ZDF-Diensten, Peter Hahne, in Bild-Online. Wir sind alle Brüder in der Freude am großen Simplifizieren. Amen, Peter!

Und diese ganze Problematisiererei löst der Fußball aus, dieses ebenso mächtige wie simple Spiel auf dem Rasenviereck. Da kann ich nur staunend gucken und mir denken: Mein Freund ist aus Leder!

  1. Es gibt unzählige, die sich vor der bundesdeutschen Gesellschaft fürchten müssen, die weder zufrieden noch zuversichtlich sind, denen sich die Gesellschaft verschließt. Die zitierten Artikel scheinen den schlimmen Tenor des Knobloch-Ausspruchs zu unterstützen: »Hier wird alles als Problem angesehen, ohne das Gute zu sehen.« Immer diese Nörgler und Miesepeter – bloß nicht über die Probleme reden! Stattdessen gibt es nahezu ungebrochenes Deutschlandlob, als lebten wir in der besten aller Welten. Deutschland ist nicht einfach okay, sondern vermiest einem in vieler Hinsicht die Entspannung. Das Versprechen der Gleichheit ist noch längst nicht eingelöst.


    molily    18.06.06    #
  2. Wir sind Papst
    Wir werden Weltmeister
    GOTT MIT UNS


    Patridiot.de    19.06.06    #

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